Am Anfang war das Wort. Und ein Stift.
Gern in schwarz. Und eine Kladde. Eine meiner vielen. In jedem Urlaub gekauft und maximal halb vollgeschrieben. Früher hat mich das unglücklich gemacht, dass ich so unsystematisch bin. Heute kann ich die Hefte betrachten und mich freuen. Jede Geschichte hat ihr kleines Eigenheim, ihr Zuhause aus Papier. Ich sitze im Schein des Laptops. Es ist Schreibzeit. Eine Zoom Sitzung ist geöffnet und ich kann meine zwei Schreibfreundinnen beim Schreiben betrachten. Oder ihre leeren Bürostühle, wenn sie aufstehen und sich Tee holen oder nach den Kindern gucken. Wir verabreden uns, reden und dann schreiben wir gemeinsam. Also jede an ihrem. Der Ton ist aus. Ich freue mich, dass ich SchreibSchwestern habe. Dass wir uns bestätigen und ermutigen. Es gibt so viel aufzuschreiben: Träume, Erlebtes, Erdachtens. Keine kann meine Geschichten schreiben. Das kann nur ich. Das kann keine KI. Ich höre den Stift über das Papier kratzen. Das werde ich nachher tippen. In die Tasten hauen. Die klappern. Nicht zu vergleichen mit dem Geräusch von Stift auf Papier. Schreiben hat etwas mit Selbstermächtigung zu tun. Nicht zu kapitulieren vor dem zu Kurzgedachten, schnell geguckten. Dem Geflimmer auf Bildschirmen. Wisch und Weg. Noch ein kleines Video. Lieber: Einfach hinsetzen und den Gedanken freien Lauf lassen. Sie zu Wort kommen lassen. Wieder und wieder drüber lesen. Nachspüren. Ein Wort einfügen.
“ Mein schönstes Gedicht? Ich schrieb es nicht. Aus tiefsten Tiefen stieg ist. Ich schwieg es“ Mascha Kalekos Gedicht über ein Gedicht, das nicht aufgeschrieben wurde. Aus tiefsten Tiefen stieg es. Ach wunderbar. Lyrik lesen hilft.
Elfchen schreiben hilft mir: erste Zeile ein Wort, zweite Zeile zwei Worte, dritte Zeile drei Worte, vierte Zeile vier Worte, fünfte Zeile ein Wort. Ohne Reimanspruch. Vielleicht keine Lyrik doch eine Reduktion dessen, was gerade ist auf elf Worte. Verdichtung.
Schreiben
ist Balsam
aus schwarzer Tinte
für meine unruhige Seele
Blätterdach
So. Ausdrücken, was drin ist, damit es sich nicht eindrückt. Raus damit. Ich fürchte mich davor, dass handschriftliches Schreiben irgendwann immaterielles UNESCO Kulturerbe wird. Wie der Orgelbau oder der Blaudruck. Schreiben ist ein Handwerk. Der Stift das Werkzeug. Die Buchstaben entstehen. Ich kann dabei zusehen und sie erschaffen. Ich will, dass nicht alles aus dem 3-D Drucker kommt oder mir etwas vorgeschrieben wird von einer Datenabsuchmaschine. Ich ergebe mich. Ich akzeptiere. Ich gebe mich dem hin: Ich habe ein Alter erreicht, wo ich scheinbar mehr Vergnügen an Brauchtumspflege empfinde als an den Verheißungen der Zukunft. Vielleicht ist das das Leben. Am Anfang war das Wort. Schreib deine Worte auf. Mit einem Stift auf Papier. Eine Art subversiver Vorgang. Eine Verneigung vor der menschlichen Kultur. Ein achtsamer Akt. Eine Erinnerung, das wir einmalig sind.
